Predigt zum 3. So. nach Epiphanias 22.1.2023 9:30 Uhr

Jahreslösung
Bildrechte Gottesdienstinstitut Nürnberg

Predigt zur Jahreslosung: 
Du bist ein Gott, der mich sieht  
1 Mose, 16, 13


1. Buch Mose, Kap. 16, 1-13
Hagar und Ismael
1 Sarai, Abrams Frau, gebar ihm kein Kind. Sie hatte aber eine ägyptische Magd, die hieß Hagar.
2 Und Sarai sprach zu Abram: Siehe, der HERR hat mich verschlossen, dass ich nicht gebären kann. Geh doch zu meiner Magd, ob ich vielleicht durch sie zu einem Sohn komme. Und Abram gehorchte der Stimme Sarais.
3 Da nahm Sarai, Abrams Frau, ihre ägyptische Magd Hagar und gab sie Abram, ihrem Mann, zur Frau, nachdem Abram zehn Jahre im Lande Kanaan gewohnt hatte.
4 Und er ging zu Hagar, die ward schwanger. Als sie nun sah, dass sie schwanger war, achtete sie ihre Herrin gering.
5 Da sprach Sarai zu Abram: Das Unrecht, das mir geschieht, komme über dich! Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben; nun sie aber sieht, dass sie schwanger geworden ist, bin ich gering geachtet in ihren Augen. Der HERR sei Richter zwischen mir und dir.
6 Abram aber sprach zu Sarai: Siehe, deine Magd ist unter deiner Gewalt; tu mit ihr, wie dir’s gefällt. Da demütigte Sarai sie, sodass sie vor ihr floh.
7 Aber der Engel des HERRN fand sie bei einer Wasserquelle in der Wüste, nämlich bei der Quelle am Wege nach Schur.
8 Der sprach zu ihr: Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her und wo willst du hin? Sie sprach: Ich bin von Sarai, meiner Herrin, geflohen.
9 Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Kehre wieder um zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand.
10 Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können.
11 Weiter sprach der Engel des HERRN zu ihr: Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären, dessen Namen sollst du Ismael nennen; denn der HERR hat dein Elend erhört.
12 Er wird ein Mann wie ein Wildesel sein; seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn, und er wird sich all seinen Brüdern vor die Nase setzen.
13 Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht[1]. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.

Unsere heutige Geschichte aus dem Alten Testament 

ist eine Dreiecksgeschichte, in die Gott sich einmischt.
Da ist 1. Abraham: 
Er ist das mächtige Familienoberhaupt,                                                                                der Herrscher über die Herde,                                                                                     über die Zelte und über die Arbeitszeiten.

Und da ist 2. seine Frau Sarah:                                                                          Sie ist sich der Macht ihres Mannes bewusst                                                                 und sie nutzt diese von ihrem Mann geliehene Macht.
Und da ist 3.  Hagar: Ausländerin, andersgläubig, mittellos, Sklavin, unterdrückt. 
Und – mit Erlaubnis der ihrer Herrrin –                                                                        die Nebenfrau von Abraham.
Eine Dreiecksgeschichte.
Streit, Hass und Demütigung sind vorprogrammiert … 
Sarah hat zwar Macht, wird aber nicht schwanger, 
Hagar ist ohne Macht, wird aber schwanger. 
Und Abraham hält sich vornehm aus allem raus.                                                       Vielleicht nicht aus allem,                                                                                              aber er hält sich raus aus der Entscheidung, 
die nun eigentlich gefällt werden müsste.
Eine Entscheidung in solchen Momenten bedeutet: Trennung:                                  Entweder Sarah oder Hagar.
Doch diese Entscheidung gab es nicht.
Stattdessen: Mobbing, Demütigung, Unterdrückung.                                                  Je dicker der Bauch von Hagar wurde,                                                                                je deutlicher ihre Schwangerschaft zu sehen war,                                        desto gemeiner wurde Sarah… 
Da traf Hagar die Entscheidung.
Sie nahm allen Mut und alle Verzweiflung zusammen                                                  und lief weg in die Wüste.
Hagars Wüstenzeit ist keine Zeit,
wo sie zu sich selbst finden möchte. Nein! 
Hagars Wüstenszeit ist lebensgefährlich und zerstörerisch.
Was jetzt in unserer Geschichte erzählt wird, 
das ist eine echte Revolution. 
Es ist vorher noch nie dagewesen.                                                                              Was jetzt kommt, verändert die Welt.                                                                                                               Und es verändert den Glauben.  Ganz Radikal. 
Zum ersten Mal spricht in der Bibel 
ein Engel mit einem Menschen. 
Das gab es bis dahin noch nie. 
Manchmal hat Gott mit einem Menschen gesprochen.
Gott hat Befehle gegeben: 
An Adam und Eva: Iss nicht von Baum des Lebens. 
Zu Noah: Bau ein Schiff. 
Zu Abraham: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.“ 
So redet Gott: Klar, deutlich, tu dies, tu das.
Aber jetzt spricht Gott zum ersten Mal
 – durch einen Engel – zu einer Frau, die eine entflohene Sklavin ist.
Er spricht mit einer Gesetzlosen, 
mit einer, die am Verhungern ist 
und die sich gerade mit einem Schluck Wasser aus der Quelle vor dem Verdursten gerettet hat. 
Er spricht auch nicht mit einer Frau, die ihn anbetet,                                               sondern mit einer Ausländerin, 
mit einer, die anders glaubt und anders lebt. 
Er spricht mit einer, die als Sexarbeiterin gearbeitet hat,                                                        oder besser arbeiten musste
und zur Leihmutter gemacht wurde.
Zum ersten Mal gibt Gott 
einem noch nicht geborenen Kind seinen Namen. 
Das wird er später noch öfters machen.
Gott gibt den Kindern Namen, 
die ihm besonders am Herzen liegen, 
die ihm besonders nah sind, 
Namen für die, die einen besonderen Auftrag haben:
Hanna, die alte und kinderlose Frau 
soll ihren Sohn Samuel nennen – er soll Richter werden –
Elisabeth, die alt gewordene Priesterin 
soll ihren Sohn Johannes nennen. 
Er soll dem, der nach ihm kommt, den Weg bahnen.
Maria, das junge Mädchen,
soll ihren Sohn Jesus nennen – er ist der Sohn Gottes.
Hagars Sohn wird Ismael heißen – 
Ismael: Das bedeutet: Gott hat gehört. 
Gott hat gehört, dass eine fremde, ausländische Frau
nicht mehr weiterwusste. 

Dass Gott Hagar gehört hat, ist neu und anders – 
bisher hat Gott nicht gehört, 
was die Menschen ihm geklagt haben.
Bisher hat Gott erwartet, 
dass die Menschen auf seine Gebote hören. 

Zum ersten Mal bekommt Gott auch einen Namen. 
Das hat es noch nie gegeben, 
dass ein Mensch Gott einen Namen gibt.
Das haben sich Adam und Eva nicht getraut.
Du bist ein Gott, der uns aus Erde erschaffen hat
Oder: 
du bist ein Gott, der uns aus dem Paradies vertrieben hat.
Gott einen Namen zu geben, 
dafür hat Noah keine Zeit gehabt.
Und Abraham wäre gar nicht auf die Idee gekommen,                          Gott einen eigenen Namen zu geben.
Für Abraham war Gott der Gott Abrahams – 
Und damit ist alles gesagt – 
über diesen Gott … und über Abraham,
Hagar denkt nicht über Gott nach.
Sie ahnt auch nicht, 
dass Gott dem Mose später 
einen rätselhaften Namen sagen wird: 
„Ich bin der, der ich bin – ich werde sein, der ich sein werde“.
Hagar weiß auch nichts davon,
wie sehr die Propheten später um den Namen von Gott ringen.
Es sind Namen, 
die von Gottes Barmherzigkeit erzählen, 
und Namen, die Angst und Schrecken verbreiten.
Hagar kann sich auch bestimmt nicht im Traum vorstellen, 
dass ein Zimmermannssohn aus Nazareth  Gott nennen wird: Abba, mein lieber Vater im Himmel.
Hagar gibt Gott einfach einen Namen. 
El-Roi. „Du bist ein Gott, der mich ansieht.“
Und damit ist eigentlich alles gesagt:
Ismael – Gott hat gehört.
El-Roi –Gott, der mich ansieht.
Plötzlich ist alles anders.
Gott ist nicht mehr der Herrscher,
der alles im Leben der Menschen bestimmt
und der in der großen Sintflut alles Leben ertrinken lässt..
Gott ist bei Hagar ein Gegenüber,
ein Gott, der hört und der sieht.
Dieser Gott beobachtet nicht aus der Ferne,
sondern nimmt wahr,
er fühlt mit,
er erbarmt sein Herz.
Er ist dabei – er hört und sieht.

Er hört und sieht unsere Trauer,
weil wir einen lieben Menschen verloren haben.
Er hört und sieht unser Glück,
weil uns gelungen ist,                                                                                                                           womit wir selbst nicht gerechnet haben.
Er hört und sieht unsere Angst
vor der Gewalt und Zerstörung der von Menschen gemachten Kriege.
Er hört und sieht unsere Ohnmacht
vor der Zerstörung der Umwelt und des Klimas.
Gott hört und sieht.

Und Gott macht mit uns genau das,                                                                                  was er mit Hagar auch gemacht hat. 
Vielleicht verstehen wir manchmal nicht. 
Vielleicht schickt uns Gott wieder zurück in die Verhältnisse, 
aus denen wir lieber fliehen möchten: 
Gott führt nicht weg aus dieser Welt, 
sondern zurück in die Welt: 
Und das ist die Antwort von Hagar:
Du bist ein Gott, der mein Klagen und Seufzen hört,
Du bist ein Gott, der meine Tränen und meine Angst sieht,
Du bist ein Gott, der mir den Rücken stärkt,                                                                     wenn ich mich wehren muss.
Hagars Antwort ist eine Antwort des Glaubens:
Du, mein Gott, bist für mich da,
du siehst mich und hörst mir zu,
gerade auch in den Wüsten meines Lebens. Amen