Gottesdienst am 21.08.2022 10.So. n. Trinitatis

Bildnachweis: Margit Ludwig

Predigt: Joh 11,25-26

Dreimal habe ich in dieser Woche an Gräbern gestanden und habe diese Worte gesagt:
Jesus Christus spricht:
Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Wer an mich glaubt,
der wird leben, auch wenn er stirbt.
Und wer lebt und an mich glaubt,
der wird nimmermehr sterben. Joh 11,25+26
Ich sage sie fast immer, diese Worte.
Seit 30 Jahren, die ich als Pfarrerin arbeite.
Ich sage sie, weil ich an die Auferstehung glaube:
An eine Auferstehund nach dem Tod,
aber vor allem an die Auferstehung im Leben,
denn das habe ich erlebt
und davon will ich heute erzählen.

Ich bin sicher auch darum Pfarrerin geworden,
weil ich mit der Auferstehung im Leben groß geworden bin.
Der Tod hat für mich den Schrecken verloren.
Der Tod gehört für mich zum Leben,
so wie auch die Geburt zum Leben gehört.
Anfang und Ende eines Lebens.
Seit ich mich zurück erinnern kann,
bin ich mit meiner Oma auf den Friedhof gegangen.
Wir haben „unsere Toten“ besucht,
7 Gräber der weit verzweigten Verwandtschaft
auf dem Münchner Ostfriedhof.
Wir haben die Blumen gegossen oder neu gepflanzt,
haben die verwelkten Blätter weggesammelt,
den Grabstein geputzt und ein Vaterunser gesprochen.
Wir haben die Eichhörnchen mit Nüssen gefüttert
und den Vögeln zugehört,
haben auf der Bank gesessen,
mit den Beinen gebaumelt
und mit dem Wasser an den Brunnen gespielt.
Das waren unsere Gräber-Spaziergänge.
Und wenn ich nach München komme,
dann mache ich ihn jetzt alleine, den Gräber-Spaziergang,
oder auch mit meiner Tochter zusammen.
Wir erzählen uns die Geschichten,
an die wir uns gerne erinnern von „unseren Toten“.
In den Geschichten werden sie wieder lebendig.
Sie stehen auf.
Meine Mutter durfte noch miterleben,
dass ich das Abitur geschafft habe.
Bei meiner Abi-Feier war sie schon nicht mehr dabei.
Der Krebs hatte ihr Leben viel schneller beendet,
als wir das alle dachten.

Ich war 18 Jahre alt
und freute mich über das gut bestandene Abi,
ich hatte das Leben vor mir,
aber ich hatte keine Mutter mehr.
Sie, die immer hinter mir stand,
die mich ermutigt hat,
mit der ich über alles reden konnte,
sie war nicht mehr da.
Aber anderes war plötzlich da.
Ein guter Freund, Lennart, schaute fast jeden Tag vorbei,
um eine Runde Back Gammon mit mir zu spielen.
Das war unser Ritual und sein Zeichen für mich,
ich bin da, du musst nicht reden,
lass uns einfach spielen.

Auch meine Freundin Petzi war immer da.
Mit ihr konnte ich stundenlang telefonieren.
Wir haben kreative Dinge zusammen gemacht,
viel miteinander unternommen,
weil draußen in der Natur sein die Seele leichter macht.
Und ich habe schon kurz nach dem Tod meiner Mutter
immer so etwas wie eine warme Hand
in meinem Rücken gespürt.
Es war so ein Gefühl, wie:
Ich bin da, ich bin nur anders da.
Geh deinen Weg, sei nicht traurig, es ist gut, so wie es ist.

Besonders spannend finde ich es,
dass Jesus diese Worte:
„Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Wer an mich glaubt,
der wird leben, auch wenn er stirbt.
Und wer lebt und an mich glaubt,
der wird nimmermehr sterben“ nicht nach seiner Auferstehung, also nach Ostern zu seinen Freunden sagt,
sondern zu seinen Freundinnen Maria und Martha.
Ihr Bruder Lazarus ist gestorben.
Sie hatten gehofft, dass Jesus rechtzeitig kommt,
und ihn heilen oder vor dem Tod bewahren kann.
Aber Jesus kommt zu spät
und Maria und Martha machen ihm Vorwürfe.
Ihnen sagt Jesus diese Worte von der Auferstehung.
Jesus sagt von sich:
„Ich bin die Auferstehung und das Leben.“
Er sagt, schaut her, da wo ich bin, da ist das Leben.
Ich zeige euch, wie man leben kann, auch mit dem Tod.
Ihr könnt die Auferstehung aus eurer Traurigkeit
schon hier und jetzt erleben.
Der Tod gehört zum Leben.
Aber das, was gewesen ist, bleibt.
Alle Liebe, alle Vertrautheit, alles Glück geht nicht verloren.

Wenn man in der Bibel weiter liest,
dann tut Jesus dann doch noch das Wunder,
das es nach seinen eigenen Worten
eigentlich gar nicht mehr braucht.
Er erweckt nämlich Lazarus wieder zum Leben,
obwohl er, wie es da heißt, schon nach Verwesung roch.
Ich weiß nicht,
ob ihm Maria und Martha so leid getan haben,
oder ob da andere waren, die ihn herausgefordert haben,
doch ein Wunder zu tun.

Ich brauche dieses Wunder für meinen Glauben nicht.
Ich halte mich lieber an die Worte von Jesus:
„Ich bin die Auferstehung und das Leben.“
Denn ich habe damals vor über 40 Jahren
eine warme in meinem Rücken gespürt.
Und letzten Donnerstag,
als ich die Mutter von 5 Kindern beerdigen musste,
da habe ich wieder so etwas von diesen Worten Jesu gespürt:
Da haben die Kinder aus 4 Bambusstecken,
die mit Schnüren verbunden waren,
eine Bildergalerie mit Bildern ihrer Mutter gebaut.
Statt einem Grabstein flatterten da 50 laminierte Fotos im Wind,
mit Wäscheklammern an den Schnüren festgemacht.
Und ich habe Jesus sprechen gehört:
„Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer lebt und an mich glaubt, der wird nimmermehr sterben“.
Und ich hatte das Gefühl,
diese Familie hat schon am Grab verstanden,
worum es Jesus geht:
um die Auferstehung im Hier und Jetzt. Amen.