Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis

Pfarrerin Snewit Aujezdsky

1Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.
2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?
3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.
4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.
5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde,
machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden
7 und sprach zu ihm:
Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich!
Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.


Wir haben vorhin aus der Bibel gehört:
es ist ein Wunder geschehen.

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.

Jesus ging vorüber.
Und er sah.
Ja, wen sah er denn da eigentlich?

Er sah einen Blinden,
der von sich erzählt:
"Ich habe mein Leben lang
die Welt mit den Händen begriffen.
Habe mit der Nase gerochen.
und mit meiner Haut gespürt.
Worte sind mir ans Ohr gedrungen,
Laute, Geräusche, Lieder und Musik.
Ich habe versucht,
meine Welt mit den Händen zu begreifen:
Die Mauer hinter mir,
an der ich mich anlehne.
Den Boden unter meiner Matte,
auf der ich am Boden sitze.
Den Staub und die Steine,
die ich aus Langeweile
durch meine Finger rieseln lasse.
Die vorbeigehenden Menschen.
Ihre langen Gewänder,
die mir durch das Gesicht streichen.
Eilende Schritte.
Ledersohlen von Sandalen,
die auf den Boden klatschen.
Ich höre Wortfetzen im Vorübergehen."

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.
Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?

"Mein Leben lang habe ich die Welt mit den Händen begriffen.
Hab den Menschen meine Hände entgegengestreckt.
„Ich bitte um eine milde Gabe…“
Wie oft habe ich das schon gesagt?
Dann haben sie mir etwas
in die Hände gelegt.
Manchmal.
Dann sind sie weiter gegangen.
Bei mir stehen geblieben
ist selten jemand.

Ich habe die Welt mit den Händen begriffen.
Oder sie ist zu Ohren gekommen.

Ich habe auch Stimmen gehört.
„Wer ist Schuld?“
„Warum er?“ fragen sie.
„Woran liegt es?“
Wer hat gesündigt?
Hat er Schuld auf sich geladen?
Oder seine Eltern?
Es muss doch einen Grund geben,
dass Gott jemanden so straft.
„Wer ist schuld?“ fragen sie
und hätten gerne eine Antwort darauf,
warum ich Blinder blind bin.

Warum eigentlich fragen sie nicht mich?
denke ich.
Ich bin blind, aber ich kann reden.
Ich sitze hier an der Stadtmauer
und habe ich den ganzen Tag Zeit,
um über solche Fragen nachzudenken.

3 Jesus antwortete:
Es hat weder dieser gesündigt
noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.
5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

Ich habe meine Welt
mit den Händen begriffen.
Die Nacht ist die Zeit, in der es kühl wird
und die Straßen leer.
Der Tag ist die Zeit, wo es heiß ist
und laut, und wo viel los ist.
Nachts werde ich reingeholt ins Haus.
Tags werde ich rausgesetzt
an die Mauer.
„Schau, das Licht“, sagen sie,
bevor sie mich allein lassen.
Und ich spüre Wärme der Sonne
auf der Haut.
Die Wärme, die sich anders anfühlt,
als die Wärme des Feuers am Abend.
„Es wird dunkel“, sagen sie,
wenn sie mich wieder abholen.
Und ich spüre den feuchten Tau
auf meiner Haut.

Ich habe mein Leben
mit den Händen begriffen.
Aber dese Worte begreife ich nicht:

Jesus antwortete:
5 Solange ich in der Welt bin,
bin ich das Licht der Welt.

Einmal in meinem Leben
haben mich Hände ergriffen.
Sie haben mir in das Gesicht gefasst.
Warme Hände; feste Finger.
Sie haben mir an die Augen gefasst.
Ich habe es gespürt:
Staub vermischt mit Spucke,
Staub auf meinen Augen.
körnig, klebrig, kühl.
Staub vom Boden.
Vermischt zu einem Brei.
Hände haben ihn mir
auf meine Augen gestrichen.

Da war einer,
Der hat mich gesehen.
Er hat sich niedergekniet.
Ich habe sie gespürt:
Seine Hände in meinem Gesicht
und an meinem Ohr,
habe ich seinen Atem gespürt.
Da waren nur wir beide.
Einen Moment lang war mir einer nah.
Es hätte ewig so bleiben können.
Und ich habe Worte gehört.
Wie Liebesworte waren sie.
Nur für mein Ohr bestimmt.
„Geh“, sagt er, wie ein Liebender.
„Geh zum Teich Siloah und wasch dich!“

Da ging er hin und wusch sich die Augen und kam sehend wieder.

Zum ersten Mal
habe ich die Welt
mit meinen Augen gesehen.

Das also war "Licht".
Ich kannte zwar dieses Wort "Licht ".
Aber jetzt erst begreife ich es,
das Wort vom „Licht der Welt.“
An mir sollte ein Zeichen geschehen,
wie das Licht in die Welt kommt.
Ich war oft traurig über mein Schicksal.
Aber an mir hat Jesus gezeigt,
wie das Licht in die Welt kommt.
Durch mich ist das Licht in der Welt.

Und Jesus ging vorüber.
Und sah.
Wen sah er eigentlich?
Mich.
Und dich.
Und was dann passiert, ist ein Wunder:
Das Geschenk des Glaubens
ist dieses Wunder.
Es besteht darin,
zu sehen,
wie Gott in meinem Leben wirkt.
Amen