Aktuelle Predigt

Was uns bekleidet. Predigt für Sonntag, 18. Oktober 2020 zu Epheserbrief Kap. 4

von Pfarrerin Snewit Aujezdsky

Für ihn ist es ein extra schöner Tag, wenn er den Schlafanzug anbehalten darf und den ganzen Tag darin rumlümmeln.

Dann weiß er, es ist Ausruhtag.
Keine Aufgaben.

Für sie ist es ein großes Sache, das Brautkleid über zu ziehen,
den feinen weißen seidigen Stoff, der knistert und prickelt.
Dann weiß sie, jetzt ist es ernst, heute ist der große Tag.
Glücklich endgültig. Freudentag.

Für ihn ist es tief berührend, seinen neugeborenen Sohn zum ersten Mal anzuziehen. Den kleinen zarten Körper zu nehmen und zu halten, so zerbrechlich wie er ist. (Bis eben noch im Bauch geschwommen und nun ein Erdenkind.) Und feine Stoffe über diese kleinen Arme und Beine zu raffeln.
Dann weiß er, jetzt ist der Kleine angekommen und er ist jetzt der Vater.
Vaterhände.

Für sie ist es ein großer befreiender Schritt, nach dem Armbruch und dem Gipsarm endlich wieder eine schöne Bluse zu tragen.
Dann weiß sie, die Schmerzen sind jetzt vorbei, der Verband ist endlich ab, sie muss sich nicht bei jedem Handgriff helfen lassen, ihre Selbständigkeit ist zurück und sie kann sich wieder schön machen.
Heilerfolg.

Für ihn ist es keine eigene Wahl, wenn er am Morgen das traurige Gesicht drüber zieht wie ein dunkles Kleid. An manchen Tagen ist das so und er kann es nicht ändern.
Dann weiß er, dass er gut auf sich achten muss, dass er nachher jemanden zum reden suchen sollte.
Durchhängertage.

Für sie gibt es keine Grenzen, wenn sie an den Kleiderschrank tritt und sich die Sachen aussucht, die heute zu ihrem Tag passen, das rosa Tutu zu der Jogginghose und die Ringelstrümpfe zu dem Blümchenkleid. Dass sie ein besonderes Kind ist, das weiß sie, eben auch besonders gut in Sachen aussuchen. Sie liebt Farben und Formen, Kleider sind ihre Sprache. Am Schluss schaut sie in den Spiegel.
Dann weiß sie, wie es in ihr aussieht und sie kann es anderen zeigen.
Kinderglück.

Für ihn ist es seine Art, Stabilität zu finden, wenn er sich die blaue Jacke überstreift und in die Werkstatt geht. Seit dem Ruhestand ist das sein Ritual, ein Lieblingsort. Er kann herumwerkeln nach Herzenslust und hat endlich Zeit für all die Dinge, die er immer aufschieben musste. Jetzt endlich kann er reparieren, schrauben, trödeln, schmieren, sägen.
Dann weiß er, dass er lebt, dass er da war, dass er was geleistet hat, das er noch da ist.
Altersoase.

Für sie beginnt es, wenn sie das Podest betritt und den Taktstock in die Hand nimmt. Ein Umhang aus Klängen umgibt sie, ihre kleine Finger malen Pausen und ihre Haare werfen Takte in die Luft.
Dann weiß sie, wo ihre Seele wohnt und was sie sagen will.
Musikverliebt.

Für ihn ist es wie Tauchen. Wenn er aus dem Dunkel der Gosse, und dem Geruch nach Urin und Abgasen in das Licht des nächstes Ladens tritt. Angekleidet vom Licht muss er blinzeln und betrachtet die unerreichbaren Auslagen von Goldenen Uhren und Spitzen-Bh´s, Dinge, die nicht Teil seines Lebens sind. Taucht durch das Licht und Funkeln, die Reflektionen und den Schimmer.
Dann weiß er, dass man ihn nicht übersehen kann, da im Licht im Dunkel.
Hellgeworden.

Für sie geschieht es unbemerkt, dass sie die Handschuhe des Erbarmens überzieht, sobald sie die Zimmer betritt und zart die alt gewordenen Körper seift und trocknet und cremt, Haare kämmt und Knöpfe schließt.
Dann weiß sie, was Menschsein ist.
Füreinandersein.

Für ihn ist es beinahe so, als würde er sein Alltags-Ich direkt ausziehen, wenn er in das warme Licht der Kapelle und den Singsang der Betenden tritt. Wenn er sich hinein setzt, mitten hinein, zwischen die anderen Körper und Stimmen und einstimmt in Gebete und Gesänge.
Dann weiß er, dass er sein Alltagskleid ausschütteln kann und dass beim Hinausgehen seine gleichen Kleider von eben anders sein werden, so wie er.
Kleiderwechsel.

„Ihr sollt euer altes Leben wie alte Kleider ablegen. Folgt nicht mehr euren Leidenschaften, die euch in die Irre führen und euch zerstören. Lasst euch in eurem Denken verändern und euch innerlich ganz neu ausrichten. Zieht das neue Leben an, wie ihr neue Kleider anzieht. Ihr seid nun zu neuen Menschen geworden, die Gott selbst nach seinem Bild geschaffen hat. Jeder soll erkennen, dass ihr jetzt zu Gott gehört und so lebt, wie es ihm gefällt. Belügt einander also nicht länger, sondern sagt die Wahrheit. Wir sind doch als Christen die Glieder eines Leibes, der Gemeinde von Jesus. Wenn ihr zornig seid, dann ladet nicht Schuld auf euch, indem ihr unversöhnlich bleibt. Lasst die Sonne nicht untergehen, ohne dass ihr einander vergeben habt. Gebt dem Teufel keine Gelegenheit, Unfrieden zu stiften. Wer bisher von Diebstahl lebte, der soll sich jetzt eine ehrliche Arbeit suchen, damit er auch noch Notleidenden helfen kann. Redet nicht schlecht voneinander, sondern habt ein gutes Wort für jeden, der es braucht. Was ihr sagt, soll hilfreich und ermutigend sein, eine Wohltat für alle. Tut nichts, was den Heiligen Geist traurig macht. Als Gott ihn euch schenkte, hat er euch sein Siegel aufgedrückt. Er ist doch euer Bürge dafür, dass der Tag der Erlösung kommt. Mit Bitterkeit, Wutausbrüchen und Zorn sollt ihr nichts mehr zu tun haben. Schreit einander nicht an, redet nicht schlecht über andere und vermeidet jede Feindseligkeit. Seid vielmehr freundlich und barmherzig und vergebt einander, so wie Gott euch durch Jesus Christus vergeben hat.“ (Epheserbrief 4).

Du, Gott,
Lass mich immer mit dir reden.
Als wärst du mir so nahe wie meine Kleidung,
die meinen Körper bedeckt, schmückt und schützt.
Lass mich Wärme holen bei dir
wie in einem warmen Mantel.
Lass mich Halt suchen bei dir
wie in einem Paar guter Wanderstiefel.
Lass mich Schutz finden,
so wie in Hemd und Hose, die mich bedecken.
Lass mich voll Vertrauen sein in dich.
Kleide mich mit deiner Liebe.

Und die Liebe Gottes, die weiter und größer ist, als wir es uns vorstellen können, bewahre uns im festen Glauben und Vertrauen.
Amen.